Vielleicht liegt es daran, dass ich in einem winzigen Dorf aufgewachsen bin und in einer Kleinstadt studiert habe. Dort zählt man auf die Menschen, die um einen herum sind und man kann sich in jeder Hinsicht auf sie verlassen. Sie sind Konstanten wie die Architektur, mit den Häusern verwebt, in denen sie wohnen und sie bleiben an diesen Orten, und selbst dann, wenn man sich lange nicht gesehen hat besteht immer diese Art von Verbindung, die sich sehr tief in einem selbst verankern kann. In der Stadt hingegen ist die Unverbindlichkeit das Merkmal der Menschen, vermutlich haben sie es so gelernt, sie hatten ja zu jeder Zeit die Option auf alles und es gar nicht nötig, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die nicht nach einer Sekunde den größtmöglichen Kick auslösten oder die meisten Vorteile für den weiteren Lebenslauf versprachen. Man sagt niemals wirklich etwas zu, geht keine tieferen Freundschaften und wenig ernsthafte Beziehungen ein, denn es könnte ja immer sein, dass die nächste, noch größere Party, der besser bezahlte Job oder der nächste Mensch direkt um die Ecke zu finden ist, der einem doch noch einen kleinen Tick mehr Vorteile bringt. Kapitalismus als Lifestyle, westentaschenphilosophisch sich selbst wie ein Mantra vorgebetet: Ich muss dringend weiterkommen, mich entwickeln, sorry, ich kann jetzt nicht mehr mit Dir zusammen sein, wir haben uns auseinandergelebt, eigentlich ist gar nichts passiert, aber Du bist irgendwie stehen geblieben, und ich habe mich so verändert, habe ein paar andere sich plötzlich auftuende Gelegenheiten wahrgenommen, und ich glaube jetzt, dass ich ein völlig neuer Mensch bin, nur weil ich Sonntags neuerdings zum Cello-Unterricht gehe und in meinem Yoga-Kurs diese Frau kennengelernt habe, die regelmäßig nach Indien fährt und sich beim Sex so verrenken kann, dass ich mein Gehirn dabei verliere, wenn sie mich fickt, und Du bist leider immer noch dieser alte Mensch, der die Dinge tut, die er schon immer getan hat, und überhaupt glaubst Du immer noch an mich und hast nie damit aufgehört, stell doch mal ein paar Dinge in Frage und melde Dich vielleicht eine Zeit lang nicht mehr bei mir, auch wenn Du das gar nicht willst, triff Dich mit anderen Leuten, vielleicht finde ich Dich dann ja wieder interessant, wenn Du mich nicht interessant findest, das gibt mir viel mehr Thrill. Aber eigentlich hat auch das keinen Sinn, meine Bewerbungen für Frankfurt, Berlin und München sind schon abgeschickt, ich muss doch gucken, wo mir das Beste geboten wird, vermutlich bin ich also bald sowieso fort und bei der langen Liste meiner Ex-Freundinnen habe ich mich noch nie wirklich oft gemeldet, höchstens dann, wenn ich mal niemanden hatte, in dem Fall wäre es dann ja doch wieder ein möglicher Gewinn für mein Leben.
Was für ein sinnleeres Kreisen um einen persönlichen Fortschritt, der niemals ein Fortschritt sein kann, denn am Ende wartet auf jeden Menschen derselbe Schluss, der alle vorherigen Bemühungen um ein möglichst vorzeigbares Leben hohl macht. Vielleicht muss ich weg aus den großen Städten, fortkommen an einen Ort, an dem man nicht Fortkommen muss, sondern sein kann.