Sechster Oktober

Steve Jobs stirbt, Tomas Tranströmer gewinnt den Literaturnobelpreis. Barack Obama kondoliert der Familie von Steve Jobs, der deutsche “Literaturpapst” Marcel Reich-Ranicki erklärt, er kenne Tranströmer nicht, sein Favorit wäre seit Jahren der amerikanische Romancier Philip Roth. Philip Roth wirft Bücher am Fliessband auf den Markt. Gebrauchsprosa, ein Band pro Jahr, künstlerisch in jedem Fall mehr als konsensfähig. Der alternde Schwede Tranströmer schreibt Lyrik, die nichts mit dem aktuellen Tagesgeschehen, “brisanten” Gesellschaftsthemen oder Politik am Hut hat, er hat ziemlich wenig veröffentlicht, weniger als 100 Gedichte, sagt man, er nimmt sich sehr viel Zeit für das, was er schreibt. Steve Jobs war Chef einer Firma, die sehr angesagte Elektronikprodukte in China fertigen lässt, neue Versionen erscheinen pünktlich im Jahresrhythmus. Das Internet liebt Steve Jobs. Im Minutentakt tickern den ganzen Tag über absurdeste Liebesbekundungen an den toten “iGott”/”Visionär”/”großartigsten Erfinder seit Thomas Edison” durch Facebook und Twitter, zwei einflussreiche amerikanische Blogs passen ihr komplettes Design dem Nachruf auf ihn an, die Onlinepräsenzen der größeren deutschen Medien überschlagen sich mit Artikeln über den “Weltverbesserer”. Ich möchte den Verfassern die Worte “Ich bewundere Steve Jobs sehr, der machte immer sein eigenes Ding. Deswegen poste ich einen Nachruf auf ihn im Netz. Weil das jeder macht” in den Mund legen. Tranströmer bleibt Randnotiz. Der Betreiber eines größeren Blogs hat seinen Wikipedia-Eintrag überflogen, in dem steht, dass er kurze, prägnante Sätze verwendet und schlägt via Facebook-Posting vor, dass er doch Twitter nutzen solle. Sonst taucht er nicht auf.

Dieser Tag illustriert ganz gut, was schiefläuft.

Ich schicke einer Freundin ein Zitat aus einem Tranströmer-Gedicht. Mit meinem iPhone. Ich setze den Namen des Dichters hinter das Zitat. “Wer?”, antwortet sie. Auf ihrem Blog hat sie heute Mittag ein Bild veröffentlicht, auf dem sich das Apple-Logo in eine Kerze verwandelt, das heute zehntausendfach über alle Kanäle gejagt wurde, unmöglich, den eigentlichen Urheber der Grafik noch auszumachen. Vierundsechzig Personen liken das.

Die Medien sind schuld an dieser Scheiße, denke ich.

“Inzwischen sind wir alle die Medien”, erklärt mein innerer Social Media-Berater.