Nebel. Ich laufe den schlecht gepflasterten Weg, der hinter dem kleinen Süßigkeitenladen, der so verflucht klein ist, dass sich ein Pferd darin nicht umdrehen kann, aber ein Sortiment hat, das die meisten anderen Süßigkeitenladenbesitzer Nachts unruhig schlafen lässt, weswegen sie alle zum Alkoholismus neigen, anfängt, und in Richtung Osten über mehrere Treppen, deren Geländer ganz verrostet und mit grünem Moos bedeckt sind, zum Waldrand runterführt, jede Woche mindestens drei Mal. Aber das mit dem Nebel ist neu. Es ist der frühe Morgen eines Tages, der jedem anderen Tag in dieser heruntergekommenen Stadt (die viele Leute für die schönste Stadt der Welt halten, weil leider nie jemand auf Idee kommt, mal an der Oberfläche ein bisschen rumzukratzen und zu bemerken, dass das Füllmaterial hinter gleichförmig attraktiven Gesichts- und Fassadenattrappen pure Gülle ist, dass sie also im Prinzip zu 93% aus Schweine- und Rinderkot besteht, der mit Schönheit getarnt ist, es gibt irgendein Sprichwort über diese Tatsache) gleicht und abgesehen von ein paar quer ineinander verhedderten Gedanken über David Foster Wallaces Sprachstil, die Frau, die ich liebe, die sich aber zumindest in meiner Vorstellung von ihr nie sicher ist, ob sie mich auch lieben oder lieber einfach nur Kürbissuppe mit mir kochen will und einen schlechten Film, den ich kürzlich sah, den aber alle für ein Meisterwerk halten, weil er von einem Regisseur gedreht wurde, der sonst tatsächlich oft Meisterwerke dreht, verlangsamt nicht nur der Nebel meine normale Gehgeschwindigkeit um mindestens ein Viertel, wenn nicht ein Drittel des Normalwertes, sondern auch die Tatsache, dass das literweise in der Luft hängende Wasser beim meiner Fortbewegung an den viel zu dicken Gläsern meine alten Brille kondensiert. Das Wort “Hechtsuppe” leuchtet in dem Teil meines Gehirns auf, den ich darauf trainiert habe, alltägliche Situationen in kurze, pointierte Sätze oder Ausdrücke zu verwandeln, die ich über ein Smartphone an einen amerikanischen Internetdienst verschicke, auf dem Menschen ihre verpfuschten Leben dadurch kompensieren, dass sie sich als Komiker, Wortakrobaten oder PR-Experten (das sind die Schlimmsten) generieren, und der mir inzwischen mehr persönliches Notizbuch als Kommunikationsmittel geworden ist, aber mehr als den Begriff spuckt das Oberstübchen nicht aus und ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, nicht bei einem Treppensturz im Nebel ums Leben zu kommen, und dann von der Polizei erst Wochen später mit seltsam verdrehten Gliedmaßen gefunden zu werden, wenn zwischen meinen Augenliedern nur noch grüne Maden herausgucken, die sich fragen, ob die Jungs in den Uniformen überhaupt das Recht haben, ihr neues Zuhause einfach so mitzunehmen ohne richterlichen Beschluss, um es mittels Konzentration auf das Wort dazu zu zwingen. Eine überraschend als zweiter Akteur dieser Geschichte auftretende schwarze Katze spricht mich an: “Nachts sind wir alle grau”, sagt sie mit beiläufig grinsendem Unterton in der Stimme und streicht mir um die Beine. “Es ist frühmorgens, Lucky”, antworte ich genervt. Ich mag es nicht, wenn ich auf dem Weg runter zum Wald belästigt werde. Mir ist natürlich bewusst, dass ich mich mit der Art der Ansprache auf dünnes Eis begebe, es sind schon Leute für weniger rassistische Pöbeleien zu Schichtarbeit in der Fundgrube einer der Filialen des schwedischen Möbelkonzerns verpflichtet worden, aber ich sehe in dieser realen Gefahr für meine körperliche Freiheit auch keinen Grund, irgendetwas zurückzunehmen, im Gegenteil bemerke ich, wie der kurze Adrenalinschub bei der Ausführung der strafbaren Sprachhandlung mein seit dem frühen Morgen das Denken vernebelnde (es gibt leider keinen besseren Begriff dafür, sonst hätte ich ihn gebraucht, die Doppelung ist also nicht beabsichtigt) Selbstmitleid ziemlich fest auf die Fresse haut, so dass es sich ein Stückchen weniger weit aus dem Fenster seines Holzhäuschens lehnt und weniger laut herumkrakeelt, was mir gerade ganz gut in den Kram passt. “Was hast Du oben in dem Laden gekauft?”, fragt mein felltragender neuer Freund. “Verfolgst Du mich etwa schon seit ner halben Stunde?”, antworte ich, und noch bevor ich den Satz beenden kann, springen alle Warnlampen meines Körpers auf vollen Ausschlag, die Schleuse, über die gerade eben noch ein vergleichsweise kleines Schippchen Stresshormon, das wohl sowieso raus musste, gesuppt ist, öffnet sich ohne Vorwarnung komplett und ich bin mitten in der Situation. Die alte Flametti hat mich verpfiffen, schießt es mir in den Verstand, und im selben Augenblick glaube ich mich daran zu erinnern, dass ich die Frau, die drei Stockwerke unter mir wohnt und beim Sprechen ihren Mund so komisch zur Seite bewegt, schon des Öfteren unbewusst beim Tragen einiger Schälchen Milch in Richtung des Hinterhofs beobachtet hatte, wenn ich morgens das Haus verließ, beschließe aber direkt, diese Erinnerung als Pseudoerinnerung, die sich mein Verstand gerade ausdenkt, weil sie so gut in die Geschichte passen würde, wenn die Geschichte so eine triviale Verschwörungsnummer wäre, wie sie im Fernsehen immer laufen, abzutun. Die Katze schnurrt sarkastisch. Er weiß alles, völlig egal, woher, denke ich, kein Grund mehr, irgendwas abzustreiten, ich muss in die Offensive gehen, und die muss definitiv in mehr als der Tatsache bestehen, sein Personalpronomen abrupt seinem Geschlecht anzupassen. “Ich mache Dir ein Angebot, Schnurrhaar”, sage ich. “Ich verrate Dir, wie das hier endet.” Katzen sind von Natur aus in den meisten Fällen so neugierig, dass mir klar ist, dass er nicht ablehnen kann. Und so kommt es dann auch. Ich erzähle ihm also, wie ich ihm vorgaukeln werde, dass ich ihn zu der Stelle hinführen und ihm dort alles zeigen würde, um ihm dann hinterrücks einen der vielen dort liegenden Steine über den Schädel zu ziehen, ihn im Wald zu verbuddeln und dann weiter meines Weges zum tatsächlichen Zielort zu ziehen. Dummerweise hält er a) seine hermeneutischen Fähigkeiten für sehr ausgeprägt und mich b) gleichzeitig zu mehr Erfindungsgabe, aber c) nicht dazu fähig, ein Tier zu töten, was natürlich einerseits eine komplette Fehleinschätzung meiner derzeitigen schriftstellerischen Leistungen, andererseits eine völlig unzulässige Verwechslung von Autor und Protagonist seinerseits darstellt, weswegen er mir kein Wort glaubt. Ein fataler Fehler, der ihm die Möglichkeit kostet, seine neben der noch nicht ganz, aber fast vollendeten Erpressung meinerseits sicherlich in hundertfacher Ausführung vorhandenen Sünden kurz vor der Begegnung mit seinem Schöpfer (Ceiling Cat sieht immer zu, wenn Du masturbierst) noch einmal zu überdenken. Ich biete ihm also stattdessen, sozusagen als Kompromiss, an, dass ich ihm nicht das Ende der Geschichte erzähle, sondern ihn zu meinem echten Zielort führe, um dort den Rest zu besprechen. Er willigt ein.