Der Satz, den Du auf der Autofahrt zu mir nach Hause sagtest, brachte das Problem vermutlich auf den Punkt. Du sagtest: “Weißt Du, wenn ich so darüber nachdenke, dann hatten wir während des Studiums schon echt viele Leute um uns, aber im Rückblick würde man sich doch niemanden von diesen Leuten aussuchen, wenn man wirklich die Wahl hätte.”
Diese Aussage kreischt: Ich will zu jeder Zeit Herrin meiner Filterblase sein! Alles, was abweicht, was nicht in mein Weltbild passt, was mich nicht direkt anspricht, wird aussortiert, warum sollte ich meine Zeit mit Dingen und Menschen verschwenden, die mich augenscheinlich nicht weiterbringen? Ich will genau das, was direkt zu mir passt, und ich bemühe mich immer wieder um genau das. Es ist so ein Großstadtsatz.
Mein Kleinstadthirn wollte Dir antworten: Guck doch mal ein bisschen genauer hin. Umgib Dich mit denen, die eigentlich gar nicht in Deine Welt passen, Du kannst ihnen nicht entkommen, wenn Du nicht per Umzug einfach Deine Heimat zu verlassen kannst, wie es bei mir der Fall war oder wenn Du nicht so viele Leute um Dich hast, dass Du Leuten auf der Straße sowieso nie wieder begegnen wirst, wie es bei Dir der Fall war. Wenn Du in einer Kleinstadt oder auf dem Dorf aufwächst, und die Tendenz dazu hast, genauer hinzusehen, dann merkst Du schnell, dass diejenigen, die Dir auf den ersten Blick wie Menschen scheinen, die Dir womöglich ganz nahe kommen könnten, auf den vierten und fünften Blick am seltensten diejenigen sind, die das tatsächlich tun. Und dann lernst Du irgendwann, über Deinen eigenen Tellerrand hinwegzugucken und merkst, dass der Typ, der an der Bushaltestelle immer wirres Zeug vor sich hinredet, eigentlich ziemlich spannende Geschichten zu erzählen hat, dass die (alle wissen davon!) drogensüchtige Nachbarin nur ein im Grunde vergleichsweise harmloses Alkoholproblem hat, weil sie nicht damit klarkommt, aus der Großstadt wieder aufs Dorf ziehen zu müssen, dass der Junge, den alle für einen Freak halten, weil er schwarze Klamotten trägt und Metal hört, eigentlich der sensibelste Typ ist, der in Deiner Ortschaft wohnt und dass alle Mitglieder der Familie Franz im Grunde die superherzlichsten Menschen der Welt sind, auch wenn die Hälfte Deiner eigenen Familie genau das Gegenteil behauptet.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir einander nie wirklich verstehen. Wir filtern die uns umgebende Welt völlig unterschiedlich.