Raubtierhaft, unflektiertes Treiben. Geteilte Existenz mit mir selbst. Ich schreibe mich warm, um mich bei Dir zu melden. Irgendetwas sagt mir, dass es Zeit wird für den Zwang. Das Schreiben ist Nichts, das man verlernt, es ist wie Fahrradfahren, da ist wieder dieser alte Merksatz, über den ich selbst nur noch lachen kann. Gleich wird die Sonne untergehen und das Ganze wieder in die Nacht tauchen, ruhelose Trommeln, es treibt mich hinaus, keine Gedanken, immer noch nicht. Ich bin seit Wochen mehr Instinkt als Plan, vielleicht war ich das unter der Oberfläche, die in der Vergangenheit durch rote Fäden und gute Menschen zusammengehalten wurde, schon immer und es bricht jetzt ernsthaft durch und zerschmettert den Kontrollfreak wie eine Naturgewalt.
Drei Lieder, eine andere Welt später. Du tanzt wie eine Göttin, ein Typ mit einer nach vielen Nächten an diesem Ort stinkenden Lederjacke und einer Frisur wie aus den 80ern erzählt mir, dass die ganzen Typen hier von ihren Freundinnen verboten bekommen haben, mit Dir zu sprechen. Ich weiß nicht, ob er Deine bedrohliche Attraktivität meint, oder andeuten will, dass Du eine Schlampe bist oder beides. Dann lacht er und kauft mir ein Bier. Weil ich doch aus Hamburg bin. Der Sebi aus Hamburg, so nennt er mich. Für ihn ist das etwas Besonderes, auch wenn er mich erst seit einer halben Stunde kennt, ich kann durch seinen Kopf gucken und ich erinnere mich daran, wie ich in Bayreuth sitze und darauf warte, jemanden zu treffen, der mir irgendwas von der Welt da draußen erzählt. Ich lasse es zu, mein Selbst durch seine Wahrnehmung zu gestalten, diese Fähigkeit ist mir angeboren, ich bin ein Chamäleon, das sich durch Fremdwahrnehmung selbst formen kann, und die Konstellation an diesem Ort lässt mich viel größer werden, als ich eigentlich bin. Und dann lüge ich ihm das Blaue vom Himmel herunter über die Stadt, in der ich wohne und deren Himmel und Menschen eigentlich immer nur grau sind, male alles in den leuchtendsten Farben statt diesem verdammten dunkelroten Backsteinton. Ich sehe Gier in seinen Augen, überlagert von Resignation. Er hat sich damit abgefunden, niemals von diesem Ort wegzukommen. Er wird mit 40 immer noch ab und zu in diesen abgefuckten Club irgendwo in einer verdammten Kleinstadt gehen und sich fragen, wo seine Jugend geblieben ist, wenn er die Lederjacke alle paar Wochen mal wieder aus dem Schrank holt, die ihm längst zwei Nummern zu klein ist, weil der Alkohol seinen Körper aufgeschwemmt hat.
“Ich habe leider nur eine Decke, aber die können wir uns teilen”, sagst Du, als Du vom Tanzen wiederkommst, als ob es eine ausgemachte Sache wäre, dass ich a) bei Dir übernachte und b) in Deinem Bett schlafe. In mir drin geben sich Sebi aus Hamburg und Sebi aus Hamburg einen High-Five. Es ist dieser Tag, an dem mein Ego die Akkus bis zum Anschlag auftankt.
Instinkt und ich sind ein teuflisch gutes Team. Er betrügt mich nie. Er ist so einfach strukturiert, dass er mich selbst ankotzen würde, wenn ich damit beginnen würde, ihn zu analysieren. Er treibt meinen Körper an Orte, an die ich eigentlich nicht gehen will, lässt mich Dinge tun und sagen, die ich eigentlich nicht sein will, aber ich muss nie mit ihm kämpfen. Er ist der einzige Begleiter durch die Nacht, mit dem ich niemals kämpfen muss. Wir sind einfach. Es ist ein so verlockend dankbar-einfacher Weg, dieses immer hungrige Innen. “Ich werde ihm den Krieg wohl ganz bewusst erklären müssen”, denke ich, kurz bevor er mich wieder mitnimmt nach da draußen und ich in dieser Wohnung für eine weitere Nacht einfach alles zurücklasse, was ich bin.