Ich funktioniere wie eine Maschine. Ich erwache am jeden Morgen um exakt acht Uhr dreiundzwanzig (ich mag es, den Wecker in meinem Smartphone mit ungewöhnlichen Zeiten zu füttern), zünde mir eine Zigarette an, erledige das, was man üblicherweise nach dem Aufstehen erledigt, fahre in das Büro, in dem meine Firma untergebracht ist und beginne dann, zu arbeiten. Ich arbeite dort bis etwa 18 Uhr, dann fahre ich nach Hause und arbeite an meinen eher künstlerischen Projekten weiter. Ich bilde mich fort, lese viel über Photographie, User Experience Design, surreale/dadistische Kunst und Typographie, kämpfe mich dabei immer weiter vor in Spezialteilbereiche dieser Tätigkeiten und vergesse in der Zwischenzeit wochenlang, zu leben. Der letzte Anruf auf meinem Festnetztelefon erfolgte vor 14 Tagen, die Nummer ist mir fremd. Es macht mir auf der Oberfläche nichts aus, ein solches Leben zu führen. Solange die To Do-Liste vor mir liegt und sie mit immer neuen Aufgaben gefüllt ist, solange die Maschine läuft, sind mein Ego und meine Emotionen nur den Arbeitsfluss störende Anhängsel im System, die von mir bewusst in den Hintergrund gedrängt werden, die Individualität ist dann in meinem Kopf ganz wissenschaftlich betrachtet nur diese merkwürdige Erfindung des 18. Jahrhunderts, die alle Menschen in selbstsüchtige Idioten verwandelt hat, die glauben, sich von der Masse abheben zu wollen, aber doch alle nach denselben Schlüsselreizen streben (Ficken, Geld, Ruhm). Ich versorge meinen Körper mit fleischloser und gesunder Nahrung und ich achte darauf, immer zehn Klimmzüge an der im Türrahmen angebrachten Stange zu machen, wenn ich über die Schwelle meines Arbeitszimmer trete, um mich körperlich in Form zu halten. Nur in den Momenten, in denen die Maschine zum Stillstand kommt, wenn sich die Zahnräder nicht drehen, etwa dann, wenn ich zwischen zwei Tätigkeiten einen Spaziergang mache, beginnt das System zu zerfallen, dann kriecht in meinem Geist die grauenhafte Erkenntnis hervor, dass ich, ohne diese Absicht gehabt zu haben (im Gegenteil) in diesem Leben bislang jeden Menschen wieder verloren habe, der für mich von Bedeutung war und dass aus diesem Grunde irgendwann die Resignation über diese für mich nicht aufhaltbaren Vorgänge gegen den Drang, neue Menschen kennenzulernen, gewonnen hat. Aber es wird schwächer. Je länger ich so lebe, desto mehr erscheint mir das, was in diesen stillen Momenten aufblitzt, nur noch wie ein undeutliches Echo aus einer meiner vielen früheren Existenzen, von denen viele damit zu tun hatten, den ganzen Tag hirnlos mit Leuten “abzuhängen”, die sich nur für den Exzess interessierten oder Zeit mit Frauen zu verbringen, die in möglichst enger Umklammerung von mir als Partner versuchten, die Leere in ihrem eigenen Leben zu füllen. Das System füttert sich am Ende selbst: Je mehr ich arbeite und je mehr ich mich dabei mit Dingen beschäftige, über die ich mich mit niemandem mehr unterhalten kann, desto weniger habe ich den Menschen aus meinem Alltag noch zu sagen, desto uninteressanter erscheine ich meinen Gesprächspartnern (und sie mir), desto unattraktiver wirke ich aufgrund mangelnder sozialer Aktivitäten auf neu in mein Leben tretende Personen und desto mehr Zeit bleibt mir wiederum dafür, den Dingen nachzugehen, für die ich mich entschieden habe und mich noch mehr zu spezialisieren. Es bedeutet auch Freiheit. Wenn irgendwann das Band ganz zerschnitten ist und ich den von mir angestrebten Grad an Professionalisierung auf den Gebieten erreicht habe, in denen ich mich übe (und meine Ansprüche sind hoch), dann bin ich frei, jeden Ort der Welt, an dem ich leben möchte, als meine Basis zu wählen. Ich habe diesen Mechanismus niemals absichtlich gestartet, er entwickelte sich einfach so und ich kenne inklusive mir selbst außer Dir derzeit niemanden, der in der Lage wäre, ihn aufzuhalten.