Ablass.

“Warum gehst Du weg, während Du mit mir redest?”, fragt er.

“Weil Du mich verunsicherst”, denke ich. “Weil ich mir vorstellen kann, mir sogar fast sicher bin, dass Du einer von den Guten bist. Das erkenne ich an der ganzen Art, mit der Du auftrittst. Weil Du wahrscheinlich für Tierschutz, Kinder in Not oder die Umwelt kämpfst und Du ausgerechnet mich angesprochen hast und ich jetzt in einem Zwiespalt bin, der mich noch einige Zeit beschäftigen wird. Weil ich mir ziemlich gut vorstellen kann, wie frustrierend es sein muss, hier draußen in dieser Kälte zu stehen, in Hamburg, wo es in den Menschen noch kälter ist, und mit diesen Formularen in der Hand wildfremde Leute anzusprechen, die aus der U-Bahn kommen. Vermutlich bekommst Du keinen Cent für diesen ätzenden Job. Weil ich es auch zweieinhalb Jahre nach Ende meines Studiums noch immer nicht auf die Reihe bekomme, genug Geld zu verdienen, um einfach sagen zu können: ‘Scheiß drauf, ich geb euch die zwanzig Euro im Monat, die ihr braucht für euer Ding, egal, was es ist’ und damit eines von den Arschlöchern sein muss, die weitergehen, obwohl Du mich angesprochen hast und dachtest, dass ich auch einer von den Guten bin. Deswegen gehe ich weg und rede gleichzeitig mit Dir, rechtfertige mich im Rückwärtsgang und schaffe es doch nicht, die Zweifel in mir selbst über die Frage auszulöschen, ob diese Rechtfertigungen nicht einfach nur billige Ausreden sind. Die paradoxe Handlung, auf die Du mich mit Deiner Frage mehr als deutlich hinweist, ist vermutlich der perfekte unbewusste Ausdruck all dessen.”

“Ich weiß es nicht”, rufe ich.

Er dreht sich um, spricht den nächsten Menschen an und gibt mich auf, entlässt mich. Ich fühle mich den restlichen Tag wie der letzte Dreck.