Wenn Du in mir nichts siehst, dann musst Du Dich selbst als ziemlich leer empfinden, denn ich spiegle nur. Ich bin der Typ, der rumläuft und schreibt und photographiert, was er wahrnimmt, und ich bin auch so, wenn ich gerade ohne Kamera oder Notizheft anwesend bin, ich gebe nur wieder. Manchmal erfinde ich auch Dinge, aber alles, was ich erfinde, basiert auch auf etwas, das ich irgendwo gelesen oder gesehen oder erlebt habe, es ist ebenfalls ein Spiegelbild. Du könntest jetzt einwenden, dass das doch bei jedem Menschen so ist, dass das einfach nur eine Beschreibung von Persönlichkeit ist, eine Beschreibung wie aus einem Soziologieseminar über Identitätstheorien, aber ich bin mir da nicht sicher, denn ich kann ja nicht in andere hineingucken, nur in mich selbst. Ich stelle mich jedenfalls wie ein Chamäleon auf die Menschen ein, mit denen ich interagiere, und das ist mein einziger Trick. Ich kann Deinen Humor nachstellen, ich nehme sehr detailliert wahr, was Du sagst, analysiere es, leite daraus ab, was Du denkst, und sage dann etwas, das dazu passt oder auch etwas, das das eben nicht tut, wenn ich das Gefühl habe, dass Du gerade herausgefordert werden willst. Ich stelle den Rhythmus meiner Worte, meiner Schritte und meiner Taten in dieser Weise auf die Menschen ein, mit denen ich zusammen bin. Vermutlich fühle ich mich auch deswegen in Menschengruppen oft unwohl, zumal dann, wenn es Menschen sind, die keiner speziellen sozialen Gruppe angehören oder keine sonstigen gemeinsamen Verhaltensweisen pflegen, denn es ist kaum möglich, eine heterogene Gruppe zu spiegeln, es sei denn damit, nicht zu ihr zu gehören, aber das kommt nicht gut an, wie ich feststellen muss. Jedenfalls bin ich im Laufe der Zeit ziemlich gut darin geworden, verschiedene Menschen und ihr Verhalten wiederzugeben, auch wenn ich in permanenter Angst lebe, enttarnt zu werden. Versteh das nicht falsch, ich bin kein Betrüger, ganz im Gegenteil ist das, was ich darstelle, zu jeder Zeit absolut ehrlich gemeint, es ist alles, was es gibt von mir, es ist mein Ich, aber ich kann schlicht niemals sicher sein, ob dieses Ich nicht etwas völlig anderes ist als das, was andere Menschen unter ihrer Persönlichkeit verstehen. Das klingt alles sehr passiv, das ist allerdings nicht der Fall, denn bei mir selbst lösen die verschiedenen Rollen in unterschiedlichem Maße Gefallen aus, und an dem Grad dieses Gefallens mache ich fest, mit wem ich meine Zeit verbringen will. Mit männlichen Personen fühle ich mich in vielen Fällen unwohl, sie sind sehr schwer zu spielen, denn es läuft viel mehr über Handlungen als über Worte und Rhythmus, und ich habe viel weniger Talent in der überzeugenden Ausführung von Handlungen als Worten, zumal ich solchen Handlungen, die sich nicht direkt auf andere Personen beziehen, oft wenig abgewinnen kann, ich kann sie nicht gut imitieren und das resultiert oft in insgesamt sehr schlechten Darstellungen. Es fiel mir dagegen immer sehr leicht, Dich zu spielen. Du bist eigentlich die Rolle meines Lebens, ich glaube kaum, dass ich jemals wieder besser performen werde, weil Du so extrem vielseitig bist, dass es nie wirklich eintönig wird, aber gleichzeitig in einem sehr harmonischen Takt agierst, der das Spiel zu einer Art von Tanz werden lässt. Es gibt wahnsinnig viele Themata, auf die ich zurückgreifen kann, wenn ich Dich spiele und manchmal, wenn wir zusammen sind, habe ich sogar das Gefühl, dass ich mich selbst einbringe. Ich lasse bei Dir manchmal ganz unwillkürlich einen kleinen Brotkrumen aus der Hand fallen, ich lege nach und nach eine Spur, die, wenn Du den einzelnen Stationen folgst, und ich mich an diesen imm0r wieder lange genug aufhalten kann für den nächsten Hinweis, vielleicht irgendwann zu dem führen werden, was ich eigentlich bin.